Montag, 4. April 2016

Kapitel 3, Part 4

Die Sonne stand oben am Himmel, Wolken wollten sich auch keine blicken lassen und das satte Blau erstreckte sich über ihnen wie ein nicht endend wollendes Meer. Das fröhliche Gezwitscher der in der Nähe lebenden Vögel schallte sanft über die Mauer hinweg und unterstrich das angenehme Wetter. An normalen Tagen wäre Karas aufgestanden, hätte sich fertig gemacht und sein Morgengebet gesprochen und wäre dann in den Hof marschiert um seinen täglichen Aufgaben nachzugehen. Grundsätzlich waren die Ordensmitglieder in verschiedene Arbeitsfelder aufgeteilt, um die sich gekümmert werden musste, damit das Kloster fernab jeglicher Zivilisation weiterbestehen konnte. Manche Mitglieder waren als Köche eingeteilt, andere kümmerten sich um die Gewächse im Hof, es mussten die Räume sauber gehalten werden oder Schriftrollen studiert werden. Karas war normalerweise der Hüter über die gebrechlichen Gewürze, die in einem kleinen Gewächshaus am Rande der Mauer gezüchtet wurden. Keine Aufgabe die über Leben und Tod des Ordens entscheiden würde, aber immerhin dem alltäglichen Essen die gewisse Würze verlieh. Selbst Mönche brauchten irgendwo im nirgendwo eine gewisse Art von Lebensqualität, selbst wenn sich diese nur sich auf das Mindestmaß bezog. Er genoss es, dem langsamen Wachsen seiner liebgewonnen Kräuter zuzusehen und diese Tag für Tag mit dem zu versorgen, was sie brauchten. Heute allerdings führte sein Weg nicht zu dem Gewächshaus an der Mauer, sondern erstmals weit darüber hinaus. Karas stieg, seinen Lehrer am Arm eingehakt, die Treppen des Klosters hinunter in den Hof. Mit der freien Hand schützte er sich vor der Sonne, die ihn mit grellen Strahlen begrüßte.
Nicht zum ersten Mal fühlte er sich ohne seine schwere Kutte ziemlich nackt und begutachtete regelmäßig mit einem kritischen Blick, ob er auch wirklich etwas an hatte. Seine Reisemontur schmiegte sich wie eine zweite Haut an seinem Körper und war trotz all seiner Vorurteile überraschend bequem. Es existierten keine langen Ärmel die sich im Weg befanden oder Stoffenden, die am Boden entlang streiften. Ja, um ehrlich zu sein, fand er es sogar sehr bequem.
Nachdem sich seine Sicht ein wenig geklärt hatte und sich die Augen an den Wechsel von trüb zu hell gewöhnt hatten, entdeckte er seine Brüder, die oben auf den Erhöhungen rund um den Hof standen und bewegungslos auf ihn warteten. Die Mönche waren von Natur aus eher ruhigerer Art und manche hatten sich sogar selbst ein Schweigegelübde auferlegt um den Lehren effektiver dienen zu können, aber die Ruhe innerhalb des Klosters hatte in den letzten Tagen ein wahrlich erdrückendes Gefühl erschaffen. Die Anspannung an jeder Ecke war beinahe zu fühlen gewesen und jeder wartete auf den großen Tag, an dem erstmals ein Mitglied des Ordens das Tor durchschritt und die unbekannten Weiten des Landes bereiste.
Nachdem sie die letzten Treppenstufe überwunden hatten, löste sich der Alte von seinem Arm und trat respektvoll einen Schritt zur Seite, damit sich Karas ein letztes Mal unbedrängt umsehen konnte. Die letzten Momente innerhalb seines einzigen zu Hauses, welches er jemals hatte. Wo auch immer er vor seiner Ankunft hier gelebt hatte, wusste er nicht und er konnte sich daran auch nicht erinnern. Ihm war es auch schlicht und ergreifend egal, wo er sich in den Anfangsjahren seines Lebens befunden hatte. Hier war seine Heimat und hier lebten die Menschen, die er schnellstens wiedersehen wollte, denen er es schuldig war, seine Aufgabe erfolgreich abzuschließen.
Brüder“, rief der Mentor, nachdem er Karas den kurzen Augenblick gegeben hatte, „heute ist der Tag gekommen. Der Tag, an dem wir einen von Unseren zurück zu den Zweiflern schicken. Der Tag, an dem unser Entsandter den gottlos gewordenen Völkern wieder den Glauben zurück in die Städte bringt. Es wird Zeit, dass die Götter und vor allem Schabanach, der mächtigste unter Ihnen, wieder Gehör finden. Ich habe dunkle Zeiten gesehen und wir alle sollten dafür beten, dass ich mich geirrt habe. Sollte uns die Dunkelheit allerdings heimsuchen, kann uns nur ein geeinter und starker Glaube vor dem Untergang bewahren!“
Ein ausgeglichener Verstand führt zu einem ausgeglichenen Herzen. SCHABANACH OCHALACH SCHABANACH.
Seine Brüder rund um ihn herum sprachen die Sätze gleichzeitig, wie es eine einzige Person nicht besser gekonnt hätte. Danach gingen sie alle in die Hocke, senkten die Knie bis diese den Boden berührten, die Beine nach hinten, die Enden der langen Roben um sie herum.
Möge Schabanach über dich wachen, Bruder. Wir alle werden für deine Sicherheit beten und dir möglichst viel Kraft schenken, damit du den heiligen Weg niemals verlässt“, verkündete der Mentor feierlich und umarmte danach den Entsandten herzlich.
Glaube an dich und du kannst alles schaffen, mein Sohn. Komm heil zu uns zurück“, flüsterte er Karas ins Ohr ehe zurücktrat und sich ebenfalls mit den Knien voran auf den Boden sinken ließ.
Nun ist es also so weit. Meine Reise beginnt hier und jetzt.
Das werde ich, Pater. Passt alle auf euch auf und erwartet auf meine Rückkehr, denn diese wird kommen. Ich schwöre, dass ich mit Erfolg im Gepäck bald wieder hier anklopfen werde.“
Er packte die Riemen seines Lederrucksacks, zog sich die Kapuze seiner neuen Reisemontur über den Kopf und drehte sich Richtung Tor um. Bestimmt stapfte er über den weichen Erdbodens des Hofs und öffnete die kleine Tür, die im weitaus größeren Tor eingelassen war. Das Holz schwang quietschend auf, der Blick in die Welt außerhalb des Klosters eröffnete ihm sich. Karas widerstand dem Zwang, sich ein letztes Mal umzudrehen und verließ als heiliger Gesandter des Ordens seine Heimat. Die unbekannte Welt, die sich vor ihm erstreckte, schien ihn mit offenen Armen zu begrüßen zu wollen. Sein Abenteuer begann.

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