Montag, 18. April 2016

Kapitel 4, Part 4



Kurz vor seinem Ziel hielt er an und streckte seine Hand aus, um die Blätter vor ihm berühren zu können. Seine Augen waren zusammengekniffen, damit er möglichst viel sehen konnte, da ihm die kleine Flamme seines dürftigen Lagerfeuers keine große Hilfe sein wollte. Sein Herz pochte in der Brust und schien sich mit pulsierenden Schlägen aus der Brust herauskatapultieren zu wollen. Die Geräusche hatten aufgehört, um ihn herum war es wieder still geworden. Karas fragte sich selbst, ob er sich das nur eingebildete oder ob der Wald ihm einfach nur einen perfiden Streich gespielt hatte. Er hielt den Atem an, lauscht seiner Umgebung. Kein Rascheln.
Seine Finger berührten die Ausläufer des Busches und nestelten an den Zweigen, schoben sie beinahe in Zeitlupe zur Seite und suchten im Inneren nach dem mysteriösen Verursacher der Laute. Sein Kopf beugte sich nach links, nach rechts, dann ging er weiter nach vorne um mehr sehen zu können, aber ohne jeglichen Erfolg. Sein Hunger, seine Erschöpfung und seine Verzweiflung schienen ihn auf böse auf das Kreuz gelegt zu haben.
Oh je, fantasiere ich schon? Ist es um mich schon so schlimm bestellt? Ich brauche dringend Vorräte, ich muss essen und trinken, ich muss schlafen und ich muss endlich den verdammten Ausgang finden. Ich muss hier raus, sonst laufe ich Gefahr, noch wahnsinnig zu werden!
Karas schüttelte niedergeschlagen den Kopf und schleppte sich mühselig zurück zu seinem improvisierten Schlafplatz, als er erneut etwas hörte. Zischelnd atmete er durch und versuchte sich wieder zu beruhigen, seinen Verstand wieder in die Waage zu bringen.
Da ist nichts, das ist der Wind, nichts Anderes.
Das Geräusch wurde lauter und schien sich ihm zu nähern. Der Drang, sich erneut umzudrehen und nachzusehen, versuchte die Kontrolle über seinen Körper zu erlangen.
Dort war eben nichts und dort wird auch jetzt nichts…
Hinter knurrte etwas. Ein tiefes, animalisches Knurren mit einem drohenden Unterton. Karas erstarrte auf der Stelle. Sein Blick huschte zu seinem Lager, die Augen zuckten in alle Richtungen, auf der Suche nach etwas, was ihm helfen könnte. Ein Versteck oder eine Waffe, irgendetwas was ihm non Nutzen sein könnte, aber er fand nichts. Um ihn herum war der Wald, ein Fakt, der sich seit dem Beginn seiner Reise nicht geändert hatte. Sein persönliches Hab und Gut lag vor ihm neben der kleinen Flamme, die nicht stark genug gewesen wäre, um mit einem brennenden Zweig als Abschreckung dienen zu können. Das Feuer war selbst froh, nicht jede Sekunde auszugehen und ihn in schwarze Finsternis zu tauchen.
Renn du Narr, renn um dein Leben. Wenn das Tier auch nur ansatzweise so viel Hunger hat wie du, solltest du deine Beine in die Hand nehmen und so weit laufen, wie sie dich tragen können. Bleib erst wieder stehen, wenn dein Körper nicht mehr mitmacht. Lauf!
Ohne Licht, im dunklen Wald waren seine Erfolgsaussichten auf eine Flucht allerdings nicht sonderlich hoch. Baumstämme, Wurzeln und dichte Sträucher würden seinen Weg säumen und ihn vermutlich nach nur wenigen Metern zu Fall bringen. Selbst mit nur langsamen Schritten hatte er es auf seiner Reise schon schwer genug gehabt, sich vorwärts zu bewegen. Und nun sollte er um sein Leben rennen? Andere Optionen offenbarten sich ihm aber nicht.
Vielleicht zieht das Tier vorüber? Vielleicht ist es mir nicht feindlich gesinnt und hat vor mir genauso viel Angst wie ich selbst? Wovor fürchte ich mich überhaupt, alles ist bestimmt nur halb so wild…
Mit einem lautem Knacken zerbrachen Zweige, Blätter raschelten panisch in alle Richtungen als hinter Karas etwas aus dem Gebüsch sprang. Er wirbelte panisch herum und starrte einem zwei Meter großen geifernden Monstrum in die Augen. Der Wolf fletschte die gelben Zähne, Sabber lief aus dem geöffneten Maul und das Fell hatte sich aggressiv gesträubt. Blutunterlaufene, hungrige Augen starrten zurück. Ein tiefes Grollen kam aus dem Rachen des Tiers, die Ohren richteten sich auf.
Das Raubtier heulte laut auf, ein fast schon traurig anmutender Ton, der Karas aber durch Mark und Bein ging. Es war ein Signal für das restliche Rudel, dass frisches Fleisch entdeckt wurde.
Der junge Mönch vergaß alles um sich herum, sein Gepäck oder seine Befürchtungen bezüglich der Hindernisse vor ihm, und löste sich aus seiner entsetzten Starre. Seine Beine bewegten sich von alleine und ihm war klar, dass es hier um Leben oder Tod ging.

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