Mittwoch, 6. April 2016

Kapitel 4, Part 1

Eine Wiese erstreckte sich vor ihm und ging in ein paar Hundert in den dicht bewachsenen Wald über. Die Grashalme hatten eine saftig grüne Farben und bewegten sich sanft im Wind hin und her. Vogelgezwitscher schallte von den Bäumen zu ihm herüber. Die gleichen Vögel, die er Jahre lang nur vom Kloster aus hören konnte, waren ihm nun plötzlich ganz nah und mit jedem weiteren Schritt reduzierte er die Distanz. Seine Stiefel sanken tief in den weichen Untergrund und zerdrückten dabei Halme, die zuvor noch niemals Bekanntschaft mit Menschen gemacht hatten und dort jahrelang friedlich vor sich hin gewachsen waren. Er ging vorsichtig in die Hocke und strich mit den Unterseiten seiner Hände über das Grün. Die Spitzen der Halme kitzelten an seiner Haut und Karas konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Natürlich wusste er, wie sich Gras anfühlte, aber hier draußen, außerhalb des Klosters wurden ganz andere Emotionen geweckt. Einfach angenehmer, so als ob die Pflanzen mit dieser nicht zu endenden Freiheit hier draußen richtig zufrieden wären.
Von nahem sieht alles noch bedeutend schöner aus...der Blick von der Mauer wurden dem hier nicht gerecht. Alles ist so lebendig...die Natur scheint förmlich zu pulsieren.
Eine dicke Hummel in der Größe seines kleinen Fingers summte schwerfällig an ihm vorbei, auf der Suche nach Blumen und deren Pollen. Das gestreifte Insekt bog in eine lange sinkende Kurve ein und verschwand aus Karas' Blickfeld irgendwo auf der Wiese.
Der Entsandte ging weiter und konnte sich an den äußeren Einflüssen kaum sattsehen. All die Details der Umwelt faszinierten ihn und sein Kopf schnellte von links nach rechts, immer auf der Suche nach einer neuen Entdeckung.
Wir sind so mit unseren Lehren beschäftigt, dass wir diese ganze Pracht hier überhaupt nicht wahrnehmen. Dieser Ort gleicht einem Paradies.
Die Sonne schien seine positive Wahrnehmung zusätzlich unterstützen zu wollen und beförderte ordentlich Wärme mit ihren Strahlen auf den Boden. Der junge Mönch hatte erst die Hälfte seines Weges über das Gras geschafft, als sich bereits der erste Schweiß auf seiner Stirn bildete.
Er entfernte die Kapuze von seinem Haupt und ließ die Sonnenstrahlen stattdessen lieber direkt auf sich scheinen. Kurz darauf erreichte er das Ende der Wiese, die die Klostermauern vom Wald trennte. Schatten umspielten ihn, als er die ersten Bäume erreichte. Karas nahm sich einen kurzen Moment Zeit um sich ein letztes Mal umzudrehen und seine Heimat zu betrachten. Das Kloster lag still am Hang des Mittelgebirges und nichts machte den Anschein, als würde es dort überhaupt Bewohner geben. Niemand vom Orden schien seinen Weg beobachtet zu haben, denn keiner seiner Brüder hatte die Mauer bemannt. Der heilige Tempel des Schabanach stand dort einfach, wie er es schon die letzten hundert Jahre getan hatte und wie er es aller Voraussicht nach auch tun würde, wenn der Adept von seiner Mission zurückkehrte.
Wir werden uns bald wiedersehen.
Mühevoll riss er den Blick von den überwucherten Steinen der Klostermauer los und konzentrierte sich wieder auf seinen Pfad der vor ihm lag. In ihm brodelte tiefe Traurigkeit während er sich immer weiter von seiner gewohnten Umgebung entfernte, aber auch großer Wissensdurst und pure Faszination regten sich. Die unterdrückte Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer gewann schleichend die Überhand, wie eine Plage, die sich in ihm ausbreitete.
Muss ich mich nun schlecht fühlen, weil ich mich so sehr darauf freue, die Welt zu entdecken? Wenn ich nicht auserwählt worden wäre, hätte ich, wie meine Brüder, nicht dieses besondere Privileg erhalten. Wie wird es sein, wenn ich wieder im Kloster angelangt bin?
Wie um sich zu überzeugen, dass der derzeitige Moment auch tatsächlich der Realität entsprungen war, untersuchten seine Hände die raue Rinde des nächstbesten Eichenbaums. Nein, träumen tat er nicht. Er erlebte die Momente gerade tatsächlich.
Genug den Moment gelebt. Es wird Zeit, dass ich mich auf den Weg mache.
Mit diesen Gedanken zog er den Kopf ein und stiefelte mit nach vorne gerichteter Aufmerksamkeit direkt in den Wald hinein. Das Unbekannte wartete bereits.

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