Freitag, 20. Mai 2016

Kapitel 6, Part 2

Karas schaute seine Gastgeberin länger an und versuchte ihre Aussage einzuordnen, vor allem im Hinblick auf seine Probleme, passende Nahrung im Wald zu finden.
 Ich habe tagelang im Wald nichts gefunden. Weil ich an den falschen Plätzen habe oder unaufmerksam gewesen bin? Ist das wirklich möglich?
Er hatte zuvor hier im Raum Pilze entdeckt, seltsame Wurzeln die offenbar gegessen werden konnten, dunkelgrüne Gräser die vermutlich als Gewürz genutzt wurden und etwas, was in entferntester Weise einem Salat ähnelte. Allerdings sah er weder Fleisch, noch andere Produkte, die die Frau hätte kaufen müssen. Alles schien in der Tat selbst gepflückt oder gefunden worden zu sein. 
Spricht sie die Wahrheit? Tut sie das tatsächlich? Lag es die ganze Zeit nur an mir, an meiner Unkenntnis der freien Natur, dass ich nichts gefunden habe?Die Frau vor ihm, eine gebrechliche Greisin in weit fortgeschrittenem Alter machte auf ihn nicht den Anschein, als würde sie ihn belügen. Warum auch? Ihm wollte kein Grund einfallen, weshalb sie ihm böses antun wollte. Ganz im Gegenteil: So weit er das bisher wahrnahm war sie einfach nur, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, hilfsbereit.
Werde ich langsam paranoid? Es scheint so.
Mistral kann dir Essen für deine weitere Reise mitgeben“, sagte die Hausbesitzerin zitternd und holte den Mönch wieder aus seinen Gedanken.
„Das...das ist freundlich. Ich weiß nicht, wie ich dafür danken kann. Leider werde ich dafür aber nicht bezahlen können.“
Ihr Mund verzog sich zu einem blutleeren Strich, vielleicht der Versuch eines ungewohnten Lächelns: „Mistral braucht kein Geld. Mit Geld kann diese hier nichts anfangen. Münzen finden keine Pilze und Münzen lassen keine Kartoffeln aus dem Boden sprießen. Nein, nein, ich brauche nichts davon.“
Sie musterte ihn von oben bis unten, ein getrübter Blick, vermischt mit einer Spur Enttäuschung. Zumindest glaubte der Mönch, so etwas wie Traurigkeit darin zu entdecken.
Du bist so dünn, mein Junge, so dünn. Du musst essen. Ja, essen um kräftig zu werden. Wie willst du jemals hier herausfinden, in diesem Zustand? So dünn, so schmächtig.“
Ich bin zäher wie ich aussehe“, gab Karas zurück. Sein Versuch, humorvoll zu klingen, bewirkte keine Regung im Gesicht der Alten.
Ich kann dir zeigen, wie du Nahrung im Wald findest. Ja, Mistral ist schlau und kennt sich aus. Ein paar kleine Tricks und du wirst in Windeseile dein eigenes Mahl finden können. Ja, einfach, wirklich einfach.“
Ihr Kopf zuckte wieder unkontrolliert und ein feiner Faden Speichel lief ihr aus dem Mundwinkel und bahnte sich einen Weg die gerunzelte Wange hinunter. Nachdem das Zucken vorüber war, wischte sie mit der Handrückseite die Flüssigkeit weg und wandte sich ihm wieder zu. Wenn ihr körperlicher Zustand ihr unangenehm war, so zeigte sie keine Regungen. In solchen Momenten fragte sich der junge Mönch unweigerlich, was der Plan der Götter gewesen sein muss, um einer greisen Frau noch eine zusätzliche Bürde aufzuzwingen. Wieso musste eine allein wohnende Dame noch weiter bestraft werden? Was war der tiefere Sinn dahinter? Gab es überhaupt einen?
„Ein paar Tricks würde nicht schaden“, erwiderte der Entsandte und fasste einen Entschluss, „ich verspreche, ich werde nach dem Ende meiner Aufgabe hierher zurückkehren und dir Dinge bringen, die du hier gebrauchen kannst. Du hast mir so viel geholfen...ich komme wieder, du hast mein Wort.“

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