Mittwoch, 16. März 2016

Kapitel 2, Part 1

Fackeln marschierten durch die Dunkelheit und erhellten den Weg vom Hof hoch zu den heiligen Gewölben innerhalb des Gebirges. Seine Brüder, alle mit der typischen Kapuze über dem Kopf, hatten die Feuer entzündet und trabten nun in einer engen Formation im Gleichschritt vorwärts.
Die Bewegungen waren langsam, alles wirkte wie in surrealer Zeitlupe. Vor ihnen breitete sich eine steinerne, schnörkellose Treppe aus, die vom Hof in den großen Eingang der Gebetskammer führte.
Der heiligste Ort des gesamten Klosters befand sich tief versteckt in den Gebirgsausläufern, nur zugänglich für die Mitglieder des Ordens. Jeder anderen Person wäre der Zugang zu den heiligen Hallen des Schabanach verwehrt geblieben.
Karas stand, wie bei ihm üblich, auf seinem Lieblingsplatz oben auf der Mauer und starrte nach unten auf die Gruppe seiner jahrelangen Wegbegleiter. Die Prozession summte vor sich hin und füllte den Hof mit einer verträumt musikalischen Melodie. Gepaart mit den brennenden Fackeln im Dunkel der Nacht zeichnete sich dort ein geisterhaftes Treiben ab.
Der junge Adept wusste nicht, wie er seine Gefühle beschreiben sollte. Einen Tag zuvor hatte er seine kommende Aufgabe noch als echte Ehre betrachtet, doch nach den eindringlichen Worten seines Lehrers war er mehr als nur verunsichert. Die finale Weihe vor der Reise stand bevor, doch Gedanken und Zweifel nagten unverhohlen am jungen Adepten.
Ich brauche einen ausgeglichenen Verstand...atme tief durch, finde deine innere Balance.
Er zwang sich zu einer ruhigeren Atmung und faltete die Hände zusammen.
Finde deine innere Mitte und beruhige dich.
Sein Herz pochte und sein Puls schien zu rasen. Die Atmung half nicht. Druck baute sich auf seinen Schläfen auf und schien ihn zu erdrücke, sein Hals schnürte sich zu, die Atmung stockte und um ihn herum wurde es...
Zwei Hände legten sich vorsichtig auf Karas' Schultern und ließen ihn aus seiner inneren Schockstarre aufwachen.
„Ich hoffe, die Gedanken war nicht negativer Natur, mein Sohn.“
Die Stimme war beinahe ein Flüstern, darauf bedacht, ihn nicht zu sehr aufschrecken zu lassen.
Karas bemerkte Schweiß auf seiner Stirn und wischte ihn schnell weg, bevor sein Mentor diesen entdecken konnte und sich möglicherweise erste Zweifel an der Wahl des neuen Abgesandten ergeben konnten – wenn sie nicht schon bereits vorhanden waren.
„Nein...“, war Karas um eine aussagekräftige Antwort verlegen. Er rang sichtlich mit den Worten, was dem anderen Mönch nicht entging.
„Es gibt keinen Grund sich zu fürchten, wenn du dort draußen unseren Lehren folgst.“
Ich soll euren Lehren außerhalb dieser Mauern folgen? Ihr habt doch selbst noch nie diesen Ort verlassen. Woher wollt ihr wissen, was mich dort draußen erwartet?
„Ihr sprecht wie immer weise Worte, Pater. Die Götter werden über mich wachen.“
Karas war selbst erschrocken über die extreme Diskrepanz seiner Gedanken und der tatsächlich ausgesprochenen Worte. Ihm wurde gelehrt, sich seinen Brüdern zu öffnen, stets den Lehren zu vertrauen und immer der Wahrheit zu folgen. Was er hier tat war falsch.
Lügen führen zu Unausgeglichenheit. Unausgeglichenheit macht uns verwundbar für die schädlichen Einflüsse von außen. Denke immer daran, folge dem heiligen Weg!
„Es gibt noch ein paar Dinge zu besprechen, bevor wir uns zum geweihten Raum begeben“, sagte der Alte mit einem hauchzarten Lächeln auf den Lippen, „nachdem die Zeremonie vorüber ist, wird es zu spät sein, dir die Details deiner Aufgabe näher zu bringen.“
Der Junge senkte respektvoll den Kopf und versuchte, sich die Aufregung und die Zweifel nicht noch mehr anmerken zu lassen. Seine Kapuze rutschte ihm dabei ein Stück nach unten ins Gesicht und verdeckte weitere Regungen vor den wabernden Flammen der Fackeln aus dem Hof. Ein willkommenes Missgeschick, genau zur rechten Zeit.
Ich wurde nicht auserwählt, um meine Brüder zu enttäuschen.
Der Marsch unter ihnen setzte sich summend weiter fort, Stufe für Stufe, immer weiter der Treppe zum Eingang der Gebetskammer folgend.


Die Chancen stehen gut, dass es morgen direkt weitergeht!

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