Freitag, 11. März 2016

Kapitel 1, Part 3

Die Stimme war etwas rau, klang allerdings nicht unfreundlich.
Bruder“, erwiderte Karas und nickte bestimmend, obwohl sein Gesprächspartner die Bewegung nicht sehen konnte.
Nach der Begrüßung herrschte zwischen beiden Männern eine Pause. Beide starrten über die Zinnen der Mauer hinweg auf das grüne Meer, welches sich vor ihnen erstreckte. Vogelgezwitscher war in der Ferne klar zu vernehmen, ein Signal für den Anbruch des Tages.
Der Mann in der Kutte bewegte sich nicht, als er anfing zu sprechen: „Hast du wieder Albträume gehabt? Es wird schlimmer, oder?“
Karas zuckte zusammen. Er wusste nicht, dass seine nächtlichen Probleme den anderen bekannt gewesen sind. Er hatte gehofft, die Situation für sich behalten zu können.
Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Bruder.“
Du sprichst im Schlaf. Wir alle leben zusammen in einem Kloster. Denkst du etwa, du könntest so etwas vor uns geheim halten“, fragte sein Gegenüber mit ruhiger Stimme, „Schabanach wacht über uns, mein Freund. In manchen Fällen sollten wir aber unserem Orden vertrauen und jemanden in die eigenen Probleme einweihen. Ein ausgeglichener...“
...Verstand führt zu einem ausgeglichenen Herzen“, vollendete Karas den Satz, „Ich bin mir über unsere Gelübde im Klaren, Pater.“
Der Mönch senkte sein Haupt und faltete unter seinen Gewandsärmeln die Hände. Nach wie vor hatte er sein Gesicht von Karas abgewandt.
Irgendetwas scheint dich zu beschäftigen und du behältst dein Geheimnis für dich. Du musstest uns etwas versprechen, als wir dich damals aufgenommen haben.“
Da war es wieder. Die übliche Erinnerung an seine nebulöse Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die für Karas aber nach wie vor ähnlich undurchsichtig war, wie für den Orden.
Das habe ich nicht vergessen. Ich habe vor euch allen meine Versprechen abgelegt und halte diese nach wie vor in Ehren. Ich wusste nicht, dass diese Träume etwas zu bedeuten haben, Pater.“
Alles hat eine Bedeutung, mein Sohn. Nichts geschieht ohne Zufall.“
Vergebt mir. Ich hätte meinen Träumen mehr Beachtung schenken sollen“, entschuldigte sich Karas demütig und starrte beschämt in die Landschaft.
Als er vor vielen Jahren dem Orden des Schabanach beigetreten war, hatte er sich erstmals wie ein Teil einer großen Familie gefühlt. Es war ein schönes Gefühl, obwohl er vor diesen Eindrücken sehr verwirrt gewesen war. Wieso hatte er diese Gefühle empfunden, obwohl er sich nicht mehr an seine Vergangenheit erinnern konnte? Hatte er zuvor nie eine Familie gehabt? Warum hatte sich die Gemeinschaft so fremd angefühlt?
Es gibt nichts, wofür du um Vergebung bitten müsstest. Du bist jung und hast noch viel zu lernen. Aber du hast ein gutes Herz, mein Sohn. Das ist es, worauf es ankommt.“
Ich danke dir, Bruder.“
Die Sonnenstrahlen waren in der Zwischenzeit über sie hinweg gewandert und tauchten das Kloster hinter ihnen in ein warmes Licht. Langsam wachten seine Ordensbrüder aus dem heilsamen Schlaf der Nacht auf und Betriebsamkeit machte sich im Hof breit. Stimmen schallten nach oben, Kleider raschelten und Metall schlug klirrend gegeneinander. In nur wenigen Momenten wurde die Stille von reger Betriebsamkeit abgelöst.
Es ist wirklich schön dort draußen“, stellte Karas leise fest und ignorierte die Geräusche aus dem erwachenden Kloster.
In der Tat. Allerdings solltest du nicht den Fehler begehen und nur die Oberfläche betrachten, sondern auch die Details dahinter. Nichts ist so, wie es scheint.“
Der jüngere Mönch war es gewöhnt, dass sein Lehrer in Rätseln sprach. Dennoch hatte er in all den Jahren gelernt, seinem Gegenüber Gehör zu schenken und die Ratschläge mit Interesse anzunehmen. Es gab einen Grund, wieso Karas der Schüler war und nicht der Lehrer.
Ich vermute, dies werde ich noch früh genug herausfinden, Pater“, sagte er vorsichtig.
Sein Mentor drehte sich mit einer einzigen fließenden Bewegung um und starrte ihn mit seinen eisblauen Augen an.
Das wirst du und ich bete zu unseren Göttern, dass du dich an all das erinnern wirst, was dir hier gelehrt wurde. Glaube an dich oder du bist dort draußen verloren.“


Weiter gehts vermutlich am Sonntag, aller spätestens aber am Montag!

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