Donnerstag, 17. März 2016

Kapitel 2, Part 2

„Unser Gelübde verbietet es, unser Kloster zu verlassen und hinaus in die Welt zu streifen. Wir haben uns dazu entschieden, unser Leben als Einsiedler fernab jeglicher Zivilisation zu leben. Nur hier, in Abgeschiedenheit und ohne jegliche störenden Einflüsse, sind wir in der Lage, unseren Göttern ehrenhaft zu dienen“, erzählte der grauhaarige Priester mit stolzer Stimme, „doch das autarke Leben hier in den Bergen führt auch seine Schattenseiten mit sich. Wir wissen nicht was dort draußen vor sich geht. Wir wissen nicht, was dich dort draußen erwartet.“
Karas biss sich auf die Unterlippe und verkniff sich die Frage, die sich ihm stellte. Er wollte seinen Lehrer bei diesem historischen und essentiellen Vortrag nicht unterbrechen.
„Du fragst dich vermutlich, weshalb wir ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt einen Entsandten schicken, nicht wahr?“
Der Junge hatte in all der Zeit längst aufgehört, sich über das Gespür des Mannes zu wundern. Er war für ihn ein offenes Buch, welches keine Geheimnisse vor dem ältesten Prediger des Schabanach geheim halten konnte. Karas nickte bedächtig, dennoch im Stillen wissbegierig auf die Antwort.
„Unser Orden hatte sich vor hunderten von Jahren dazu entschieden, die bewohnten Lande hinter sich zu lassen und alleine in Frieden zu leben. Wir waren es müde, dauerhafte Zeugen der sinnlosen Kriege und der substanzlosen Gewalt zu sein. Zu diesem Zweck wurden die Völker von unseren Herren nicht erschaffen. Wir sollten das Leben huldigen und Freude predigen, nicht ignorieren. Das Geschenk von oben, unsere jungfräulichen Herzen, sollten unsere wichtigsten Schätze sein.
Wir sollten sie in diesem Zustand behalten und nicht mit Hass oder Trauer füllen. All dies führte zu der Welt, der wir den Rücken kehren mussten. Wir konnten nicht länger Zeuge dieses heidnischen Vorgehens sein und tatenlos zusehen, wie sich die Welt selbst zu Grunde richtet.“
Der erfahrene Geistliche machte eine kurze Pause und ließ die Worte in der Luft hängen. Karas kannte die Geschichte des Ordens natürlich aus seinen persönlichen Lehren, doch die traurige Betroffenheit in den Augen seines Gegenübers machten ihm zu schaffen.
Schleichend wurde ihm klar, was ihn auf seiner Reise tatsächlich begegnen würde. Zumindest glaubte er, dass es ihm allmählich dämmerte.
„Unser Glaube verbot es uns allerdings, Partei für irgendjemanden zu ergreifen. Also predigten wir unseren Weg in Dörfern und Städten, schenkten jedem Betroffenen ein offenes Ohr und hofften dadurch, den Tag der Abrechnung verhindern zu können. Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, waren unsere Taten aber vergebens. Wir scheiterten und haben es am Ende nicht geschafft, der Welt die Augen zu öffnen. Aus diesem Grund hatte sich unser Orden dazu entschlossen, ins Exil zu wandern und die Zivilisation, mit ihren tauben Ohren und unreifen Taten, zurückzulassen. Die Hoffnung, nach der wir alle strebten, war endgültig verloren.“
„Ihr habt richtig gehandelt, Pater. Wer sich vor der Wahrheit verschließt, kann nicht mehr gerettet werden. Ihr habt alles was in eurer Macht stand, getan, um die armen Seelen dort draußen wieder auf den richtigen Weg zu führen.“
Der Lehrer schloss die Augen, die Stirn in Falten gelegt.
„Unser Weg ins Exil wurde damals nicht von allen so simpel gesehen, wie du es denkst, mein Sohn. Feiglinge nannte man uns, Verräter am Volke wurden wir getauft. Wir ernteten von vielen genau dies, was wir so verzweifelt zu verhindern versucht hatten: Ablehnung, Unverständnis und Hass.“
„Das ist nun schon so viele Jahre her. Ich bin sicher, dass...“
„Ob hundert Jahre oder nur wenige Monate“, unterbrach ihn der Alte, „negative Gefühle und Vorurteile setzen sich in den Köpfen der Leute fest. Wenn die Saat erst einmal gesät wurde, kann sie über viele Jahrzehnte hinweg gedeihen und weitergereicht werden, bis sich irgendwann die hässliche Fratze zeigt. Mache nicht den Fehler und denke, Hass wäre vergänglich, mein Sohn. Hass ist einer stärksten emotionalen Antriebe, die es auf diesem Planeten gibt. Hass ist der größte Feind eines jeden einzelnen Individuums. Es erreicht dich schneller als du glaubst und wenn es dich einmal erreicht hat, wird es dich von innen quälend auffressen.“
Karas hatte sich andere Worte für seine anstehende Reise erhofft, obwohl niemand behauptet hatte, es würde für ihn leicht werden.
Als Ehre würde ich deine Aufgabe nicht verstehen, sondern eher als Opfer, welches jedes Mitglied von uns gerne bereit wäre, zu geben. Selbst wenn das Opfer das eigene Leben bedeuten würde.
Die Worte seines Lehrers vom heutigen Morgen kehrten in Karas' Gedächtnis zurück. Jetzt verstand er genau, weshalb er besondere Acht auf seiner Reise geben musste.

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