Mittwoch, 23. März 2016

Kapitel 3, Part 1

Geister tanzten wirbelnd durch den Raum. Weiße Schemen, die sich einen Weg durch die Schatten bahnten und allen Gesetzen der Erdanziehungskraft zu trotzen schienen. Ihre Schwingen trugen sie schwebend durch den Raum, direkt über den Köpfen der anwesenden Zuschauern. Doch niemand schien sich für den unheimlichen Anblick zu interessieren, ganz im Gegenteil sogar. Die Blicke der Anwesenden waren nach vorne gerichtet, anscheinend vollkommen desinteressiert von dem Treiben über ihnen. Rot leuchtende Augen starrten gebannt nach vorne, ansonsten waren die Gesichter in der Dunkelheit nicht sichtbar. Die Gestalten standen bewegungslos vor ihm, Voyeure während eines besonders intimen Moments. Ein unwohles Gefühl durchflutete ihn, er wollte sich losreißen und davonrennen, nichts wie weg von hier, doch es wollte ihm nicht gelingen. Ein Gefühl der Scham breitete sich in ihm aus, als könnten die Blicke tief in sein innerstes Ich sehen, seine Ängste und Gefühle offen legen, ihn emotional entblößen.
Seine Arme und Beine bewegten sich nicht und er bemerkte panisch, dass er nicht mehr der Herr über seine eigenen Gliedmaßen war. Der eigene Körper war sein Gefängnis.
Dann setzte der Gesang ein. Es war eine ihm bekannte Melodie, die sich monoton wiederholte. Immer und immer wieder. Ein gesungenes Gebet – ein heiliges Flehen an die stärkeren Mächte, welche über ihnen hausten.
Schaloch finalis och sanctis. Schabanach, ochalach Schabanach.
Die Sprache war ihm nicht bekannt, aber die summende Melodie war ihm seltsam vertraut.
Schaloch finalis och sanctis. Schabanach, ochalach Schabanach.
Er wollte schreien, all dem hier ein Ende setzen, doch niemand machte Anstalten, sich um ihn zu kümmern. Das Gebet um ihm herum wurde fortgesetzt, die Stimmen schienen gar einen Ton lauter geworden zu sein.
Schaloch finalis och sanctis. Schabanach, ochalach Schabanach.
Seine Ohren dröhnten vor Schmerz und er wollte die Anderen anflehen, damit um Himmels Willen aufzuhören. Dann bemerkte er, wie sich die weißen Schemen in der Luft ihm zu wandten. Langsam, mit geisterhaften Bewegungen kamen sie näher heran, offenbar auf der Suche nach ihrem menschlichen Ziel. Der Chor fuhr weiter fort, der Ton schien bestimmender zu werden. Die Lautstärke nahm mit jeder wiederholten Strophe zu.
Schaloch finalis och sanctis. Schabanach, ochalach Schabanach.
Die Geister hatten ihn fast erreicht. Ein letztes Mal wollte er sich los zerren, den Ort hier so schnell wie nur möglich verlassen, doch wieder versagte ihm sein Körper den Dienst. Verzweifelt wurde er Zeuge, wie die Wesen ihn erreichten, sich auf ihn legten wie eine wabernde Schicht die seine Konturen nachformte, ihn komplett einhüllte. Bei der ersten Berührung wurde ihm schlagartig kalt, die Muskeln entspannten sich und ein zarter Nebel verschleierte sein Sichtfeld. Seine letzten Kräfte entwichen aus dem Körper und er hörte auf, sich dem Vorgang entziehen zu wollen. Er verlor jegliches Gefühl auf der Haut und die Kälte, die sich zuvor in seinem Inneren breit gemacht hatte, wich einem angenehmen Gefühl des Friedens. Seine Panik verschwand, löste sich innerhalb von Momenten in Luft auf und ließ ihn entspannt zurück. Sein Verstand drohte ihm zu entgleiten, ihn hier in Ruhe alleine liegen zu lassen, fernab jeglicher Probleme und Sorgen.
SCHALOCH FINALIS OCH SANCTIS. SCHABANACH OCHALACH SCHABANACH.
Das Gebet erreichte seinen lauten Höhepunkt und die Anwesenden schienen dies mit einem donnernden Finale unterstreichen zu wollen. Dann: Ein sengender Schmerz zuckte durch seine rechte Hand, genau wie sich Feuer auf ungeschützter Haut anfühlen musste. Er schrie laut auf und diesmal schien er tatsächlich Töne von sich zu geben, denn das Gebet der Anwesenden stoppte schlagartig. Es war der letzte äußere Einfluss den er wahrnahm, bis ihn der Zustand der Bewusstlosigkeit erneut niederstreckte.

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